FM Hans Niedermaier zum 60. Geburtstag

Zu seinem heutigen 60. Geburtstag habe ich mit unserem Ehrenmitglied FM Hans Niedermaier ein mehr als neunstündiges Interview geführt. Ein bewegtes Schachleben in Anekdotenform ist dabei herausgekommen. Erstmals erzählt Hans Niedermaier auch von Bobby Fischers bisher unbekanntem Versteck in Forchheim, vom turbulenten Innenleben der Bamberger Bundesliga-Mannschaft und warum Bayern zwei Aufsteiger in die 2. Bundesliga hat. Auch wenn es etwas länger geworden ist, lohnt sich ein Blick in dieses Interview, mit dem wir unserem "Giovanni" herzlich gratulieren und ihm noch viele erfolgreiche Jahre am Schachbrett wünschen. Und viel Spaß mit seinem zweiten Hobby, dem Bergsteigen.

Güldner: Was ist das übrigens für ein Tisch in Deinem Schachzimmer, an dem wir hier sitzen?

Niedermaier: Das war ein Geschenk von Schachfreunden wie Burghard Mahlich und Anton Csulits aus der DDR. 1989 spielte Bamberg einen Freundschaftswettkampf mit Buna Halle. Als Präsent erhielt ich als Organisator diesen Schachtisch, der bei der Schach-Olympiade 1960 in Leipzig im Einsatz war. Vielleicht spielten an diesem Tisch ja Tal und Fischer ihre legendäre Partie...

Güldner: Deine schachlichen Anfänge liegen ja beim Schachclub Bamberg. Dennoch bist Du da erst einmal nicht lange geblieben. Warum?

Niedermaier: Als ich elf Jahre war, spielte ich für den Traditionsverein. Bei der Kreis-Jugendmeisterschaft 1960/61, die damals noch „Bezirks-Jugendmeisterschaft“ hieß, wurde ich völlig überraschend Zweiter. Es gab für meinen Sieg gegen einen der Favoriten (Porsch) sogar spontanen Beifall der Zuschauer. Leider „verschlief“ der Schachclub Bamberg dann, mich bei der Oberfränkischen Jugendmeisterschaft 1961 anzumelden. Sogar meine Mutter hat sich persönlich für mich eingesetzt, es hat aber nichts gebracht. Das hat mich so geärgert, dass ich den Verein gewechselt habe, übrigens zusammen mit meinem Vater Lorenz, der 1985 für seine Verdienste als Spieler die Ehrenmitgliedschaft des Schachkreises Bamberg verliehen bekam. Es war eine schachbegeisterte Familie. Nicht umsonst spielten auch meine Schwester Kathrin, mein Bruder Edgar und später mein Sohn Patrick, sowie meine Nichte Barbara Niedermaier sogar Vereinsschach.

Güldner: Der hat Dir ja das Schachspiel beigebracht...

Niedermaier: Da war ich gerade einmal sechs Jahre alt. Meine früheste Erinnerung stammt allerdings aus der Zeit, als ich etwa drei Jahre alt war. Damals beobachtete ich meine Eltern beim Schach. Mein Vater war ein typischer Kreisliga-Spieler, der sehr passive Verteidigungsstellungen bevorzugt und auf Konter gespielt hat. Er hat allen seinen Kindern das Schachspiel beigebracht. Meistens gab es Vorgabepartien, und drei Jahre lang verlor ich trotzdem alles. Im Kellerzimmer stehen noch die alten Figuren von damals. Erst Mitte der 60-er Jahre platzte dann der Knoten und ich konnte ihn besiegen.

Güldner: Du hast dann viele Jahre für den Post-Sportverein Bamberg gespielt.

Niedermaier: Das stimmt. Stets am Spitzenbrett in der Oberfränkischen Verbandsklasse. Einmal holte ich 7/7 und erlebte dabei so manche Kuriosität. Im Spiel gegen Kronach stellte sich mir ein Herr Müller als „bester Französisch-Spieler Oberfrankens, gleich nach Lothar Schmid“ vor. Das hat mich aber nicht sonderlich beeindruckt – ich spielte selbst 1. ...e6. Als ich dann ein gönnerhaft angebotenes Remis ablehnte, meinte er nur „Niedermaier, jetzt werden sie größenwahnsinnig.“ Meine schönste Partie spielte ich jedoch gegen Eduard Hahn (Bayreuth). In nicht einmal 20 Zügen konnte ich den früheren Bayerischen Meister bezwingen. Ich riskierte im Dameninder ein Läuferopfer auf h7, das Eduard Hahn aber nicht annahm. Kurze Zeit später hatte ich dann einen Turm ersatzlos eingesackt. In hochgradiger Zeitnot gab er dann auf. In der letzten Runde traf ich dann auf Bernd Feustel. In einer früheren Partie gegen ihn hatte ich Turm und vier Bauern gegen den blanken König, aber Bernd gab nicht auf. Ich holte mir vier Damen und setzte ihn dann absichtlich langwierig Matt. Mein Gegner hat bei jedem Zug geweint, aber bis zum allerletzten Zug weitergespielt. Auch die hart umkämpfte Verbandsliga-Partie konnte ich gegen ihn gewinnen und nachher stellte sich heraus, dass er bis dahin auch 100 Prozent Punktausbeute am ersten Brett gehabt hatte.

Güldner: Schon früh bist Du ehrenamtlich aktiv geworden. Wie alt warst Du da?

Niedermaier: Das war 1967, da war ich gerade 19 Jahre. Beim PostSV Bamberg suchte man einen neuen Spielleiter. Ich stellte mich zur Wahl, aber nur unter der Auflage, die Aufstellung der drei Mannschaften ohne Einmischung von außen selbst machen zu können. Das war damals eine unglaubliche Forderung, denn die Mitgliederversammlung hatte als Kernstück diese Maßnahme. Dadurch dauerte das Treffen dann oft bis spät nachts. Ich wurde dann auch gewählt, allerdings gegen die Stimme meines Vaters. Als der Tagesordnungspunkt „Mannschaftsaufstellung“ aufgerufen wurde, hatte ich bereits auf einem Schmierzettel die Namen aufnotiert. Ich las dann die Aufstellungen vor. „Können wir dazu etwas sagen,“ fragte ein Spieler. „Natürlich,“ entgegnete ich, „aber ändern werde ich nichts.“ Die Mitgliederversammlung war damit schon nach drei Stunden zu Ende und nicht wie sonst erst nach sechs oder sieben. Später war ich dann im Schachclub Forchheim ein Jahrzehnt lang Schatzmeister (1993-2003) und bin seit 2003 bis heute immer noch Kassenprüfer.

Güldner: Du hast dann auch Training angeboten. Das lief aber nicht lange. Warum?

Niedermaier: So etwas wie Training gab es beim PostSV Bamberg nicht. Ich habe dann damit begonnen, mit Eröffnungsgrundsätzen etc. Schnell habe ich gemerkt, dass die Leute dort nichts lernen, sondern nur spielen wollten. „Der will sich bloß wichtig machen,“ hieß es dann hinter vorgehaltener Hand. Da habe ich damit wieder aufgehört.

Güldner: Deine erste Begegnung mit Bobby Fischer fällt ja in diese Zeit. Wie trug sich das zu?

Niedermaier: Es war im Oktober 1960 zur Zeit der Schacholympiade in Leipzig. Wir spielten gerade ein Vereinsturnier im Hotel „Münchner Hof“ in der Bamberger Hauptwachstraße. Heute sieht man den Schriftzug an der Fassade des Gebäudes nur noch schwach. Jedenfalls war es 21 Uhr abends, als Lothar Schmid, Helmut Pfleger und Bobby Fischer das Spiellokal betraten. Bobby Fischer wohnte damals ja rund zwei Wochen bei Lothar Schmid in Bamberg. Er lebte ja sehr gerne in Deutschland, und ich hegte tiefe Bewunderung für ihn. Sofort wurden alle Uhren angehalten, und wir lauschten etwa eine Stunde den Analysen aktueller Partien von der Schacholympiade. Wahrgenommen hat er mich 13-Jährigen damals aber nicht.

Güldner: Hast Du noch Erinnerungen an das legendäre Großmeister-Turnier 1968 in Bamberg?

Niedermaier: Ich habe damals im Gästeturnier, einem Einladungsturnier, die Klingen mit Karl Gilg gekreuzt und den damals schon den älteren Herrn in einem Marathonwettkampf niedergerungen. Neun Stunden dauerte es, bis der frühere Bayerische Meister aufgegeben hatte. Nach vier Stunden hätte man damals für eine Hängepartie abbrechen können. Wir wollten beide nicht. Nach weiteren zwei Stunden das gleiche Spiel. Und kurz vor Mitternacht noch einmal. Im Turm-Endspiel mit falschem Läufer und Randbauer habe ich ihn dann noch schön besiegt.

Güldner: Deine größten Erfolge hattest Du wohl beim Schachclub Bamberg.

Niedermaier: Solange ich dort aktiv war, und das waren viele Jahre von 1970 bis 1979 und wieder 1985 bis 1992, war ich so gut wie immer Bestandteil der 1. Mannschaft. Auch während der Zeit beim PostSV Bamberg blieb ich immer in Kontakt. Nach dem Wiederaufstieg des SC von der Landesliga in die Oberliga bin ich 1970 zum größeren Verein gewechselt. Zuerst mit den weithin bekannten Bamberger Spitzenleuten Lothar Schmid, Helmut Pfleger, Hansgünter Kestler, Günter Lossa, Jürgen Teufel, Gerd Treppner, Bernd Feustel... Wir wurden 1971 Oberliga-Meister, in der damals höchsten Liga, eine Bundesliga gab es ja noch nicht. Ich selbst steuerte unbesiegt zwei Erfolge und vier Remisen bei. In der Vorrunde auf deutscher Ebene in Hannover war dann Helmut Pfleger der Unglücksrabe, weil er in guter Stellung die Dame einbüßte. Bamberg schied danach aus.

Güldner: Was war denn Deine erste Turnierpartie?

Niedermaier: Das war 1960 im Vereinsturnier des SC Bamberg. In der C-Gruppe unterlag ich Max Gardill, einem Stadtrat, der ein Fotogeschäft hatte. Ich holte damals 50 Prozent und landete im Mittelfeld. Es gab aber noch eine Regelung, dass man den Spieler vor sich herausfordern durfte und bei Sieg seinen Tabellenplatz einnehmen durfte. Das nutzte ich, um Partie um Partie zu spielen und zu gewinnen. Solange, bis ich in die B-Gruppe aufgestiegen war. Ein kurioses Turnier.

Güldner: 1972 wurde Deine Mannschaft schon wieder Oberliga-Meister. Hattet Ihr damals ein Abonnement auf den Titel?

Niedermaier: Bamberg wurde fast ständig Erster, wobei wir uns harte Schlagabtausche vor allem mit dem SC Anderssen-Bavaria München lieferten. Die hatten damals Arnulf Westermeier, Klaus Tschauner und noch einige weitere Bayerische Meister im Aufgebot. Damals ging es mit 4,5:3,5 denkbar knapp für uns aus. Ich hatte es mit Rohr zu tun, gegen den ich Damengambit spielte. Das habe ich bisher so nie mehr gespielt, obwohl es eine sehenswerte Partie war. Ich übersah dabei auch, dass mein Gegner im 50. Zug die Zeit überschritt. Unser Spitzenspieler Lothar Schmid tobte damals regelrecht. Ich gewann aber trotzdem diese Hängepartie noch. In der Vorrunde auf deutscher Ebene in Sindelfingen gewann ich zwei von drei Partien, u. a. gegen den damaligen Deutschen Pokalsieger Rolf Bernhardt. Der reimte am Ende der Partie, als er aufgab: „Da hilft kein Stöhnen und kein Ach.“ Und mein Mannschaftskollegen Hansgünter Kestler reimte spontan hinzu: „Ach warum spiel ich auch so schwach.“ Im entscheidenden Zweikampf gegen Solingen scheiterten wir erneut. Dabei hatte es zwischenzeitlich mit Mehrqualität für Günter Lossa und dem erhofften Remis von Jürgen Teufel gegen Hajo Hecht nach dem Gewinn ausgesehen. Dann aber kippten einige Partien und wir wurden Deutscher Vizemeister.

Güldner: Gehörtest Du auch zu den legendären Bamberger „Schachhähnchen“?

Niedermaier: Dafür war ich ein paar Jahre zu alt. Die Jugendgruppe um Bernd Feustel, Gerald und Wolfram Hartmann, Gerd Treppner, Norbert Neukum, Hans und Konrad Baumgärtner blieb da unter sich. Das war meines Wissens auch die einzige Gruppe, die spezielle Trainingsförderung beim SC 1868 Bamberg bekam.

Güldner: Du hast Dir ja eine spektakuläre Partie mit Vlastimil Hort geliefert...

Niedermaier: Das war damals in der Bundesliga-Saison 1986/87 beim Duell gegen Köln-Porz. Wir hatten ein ungleichfarbiges Läufer-Endspiel mit je zwei Bauern am gleichen Flügel erreicht, das nicht zu verlieren war, auch nicht in Zeitnot, aber wir hatten gerade die Zeitkontrolle nach dem 50.Zug schon hinter uns. Ich bot also Remis! Es folgte ein energischer Blick meines Gegners, der mit dem Angebot und dem Unentschieden sichtlich unzufrieden war. Nach einigem Zögern schlug er ein, dass mir die Hand schmerzte. In der späteren Analyse wagte es dann der Bamberger Mannschaftskamerad Volkhard Rührig anzumerken, dass ich im Mittelspiel besser gestanden hätte. Aufbrausend fuhr Hort ihn an: „Wo stand er besser? Er stand nie besser!“ Nur um nach den gezeigten Varianten zuzustimmen: „Korrekte Partie. Korrektes Remis“ und er drückte mir nochmals die Hand, diesmal deutlich sanfter.

Güldner: Kommen wir noch einmal zu Bobby Fischer, den Du fast genau nach 30 Jahren im Oktober 1990 wieder getroffen hast. Wo war das?

Niedermaier: Ich hielt mich damals mehrmals in der Woche in der Pulvermühle in Waischenfeld auf. Ich trainierte und betreute Michael Bezold seit 1987, ermöglichte ihm das Spiel in der 1. Bundesliga, brachte ihn mit dem Auto, er war damals 15 Jahre alt, von zu Hause nach Bamberg zu den Wettkämpfen und reiste mit ihm auch zu so manch anderen Turnieren. So auch 1990 zu einem Open in Bad Mergentheim. Dort besiegte ich spektakulär GM Pavel Blatny, der mich nach dem Spiel nach meiner ELO-Zahl fragte. Verschmitzt antwortete ich: „Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt eine habe. Aber wenn, dann nur eine ganz kleine.“ Damals zog sich Bobby Fischer, der vorher in Bamberg gewohnt hatte, in die Fränkische Schweiz zurück. Dort traf er mit Ralf Hess aus Frankfurt und Lothar Schmid ein. Bobby Fischer hatte sich nämlich zuvor ein halbes Jahr in Seeheim/Hessen bei Petra Stadler, die heute Petra Dautov heißt, aufgehalten. Sie hat ja später ein Buch über Bobby Fischer verfasst. Bobby Fischer blieb dann einige Wochen, bis die Journalisten des „Stern“ ihn dort aufgespürt haben. Bis heute weiß niemand, wer ihnen den Tipp gegeben hat. Eigentlich ist es ja ein Wunder, dass er so lange Zeit unerkannt dort verbracht hat.

Güldner: Einmal ist er aber doch erkannt worden...

Niedermaier: Das war ganz kurios. Bobby Fischer war in Bamberg unterwegs. Er blieb dann mitten auf der Straße stehen, um sein Magnet-Schach zu zücken und schnell eine neue Idee, die ihm gerade eingefallen war, auf dem Brett auszuprobieren. Dabei hat ihn ein Fensterputzer gesehen und erkannt. Weil der sich nicht sicher war, rief er dann bei Lothar Schmid an und fragte ihn. Der bestätigte ihm, dass es tatsächlich Bobby Fischer war, verpflichtete den Fensterputzer dann aber zum Stillschweigen.

Güldner: Du hast ja Bobby Fischer „Fluchthilfe“ geleistet. Wohin seid ihr denn gefahren?

Niedermaier: Das war eine dramatische Situation. Er hat dem Pulvermühlen-Chef Kaspar Bezold Vorwürfe gemacht, der habe sein Versprechen gebrochen, sofort jeden Pressevertreter zur Tür hinaus zu befördern. „Warum versprichst Du mir es dann?“ Dann hat er dem Pulvermüller ein Ultimatum gestellt, bis Mitternacht die Reporter auszuquartieren. Seelenruhig hat Bobby Fischer sich dann in einen Sessel gesetzt und in einem Buch geblättert. Als Kaspar Bezold nicht reagiert hat, sind Bobby Fischer und ich um 2 Uhr nachts aufgebrochen. Er hatte viel Gepäck dabei, das wir alles durch die Küche und die Hintertür zu meinem Auto gebracht haben. Auf der Strecke haben wir dann mehrmals in Parkbuchten gehalten, um zu überprüfen, ob wir verfolgt werden. Auch in Forchheim sind wir nicht direkt zu mir gefahren, sondern haben in einer Nebenstraße gehalten. Über Nachbargrundstücke sind wir dann in meinen Garten geschlichen. Lothar Schmid hat am Tag darauf angerufen und wollte vorbeikommen, weil er Bobby Fischer bei mir vermutete. Als ich sagte, er könne gerne kommen, war er dann nicht mehr interessiert. Er wollte wohl nur einen Testballon starten.

Güldner: Was hat Bobby Fischer denn den ganzen Tag bei Dir in Forchheim gemacht?

Niedermaier: Bobby Fischer war ein sehr bescheidener Mensch. Ich sehe ihn heute noch, wie er an meinem Wohnzimmertisch sitzt. Neben ihm einige Zeitungen, ein Weltempfänger und natürlich ein Reise-Magnet-Schach, das er speziell hatte anfertigen lassen. So saß er manchmal nächtelang. Aufgestanden ist er dann meistens erst nachmittags. Geschlafen hat er im 1. Stock, in meinem Schachzimmer. Wir haben niemals gegeneinander gespielt, sondern nur analysiert. Er sagte mal: „Wenn Du etwas im Schach wissen willst, musst Du es hundertprozentig wissen, und nicht nur neunundneunzigprozentig.“ Er war politisch immer sehr interessiert und auch sehr kundig. Wir machten auch Ausflüge nach Nürnberg oder zur „Alten Wache“ am Paradeplatz. Dort machte es ihm besonderen Spaß, von außen hineinzublicken und abzuschätzen, was die Caféhausspieler ziehen würden.

Güldner: Du hast ja sogar einige Schnappschüsse, auf denen er zu sehen ist.

Niedermaier: Bobby Fischer war sehr fotoscheu und hat sich praktisch nicht ablichten lassen. Nur mit seiner eigenen Kamera durfte man ihn knipsen. Es gibt von uns beiden auch gemeinsame Fotos, nur leider nicht in meinem Besitz.

Güldner: Woran erinnerst Du Dich noch?

Niedermaier: Er war ein Mensch, der sehr viel Wert auf Freundschaften legte. Einmal saßen wir in Nürnberg im Café Kröll. Da schrieb er eifrig an einer Liste mit lauter Vornamen. Dann fragte er mich schließlich, ob er noch einen Namen vergessen hätte, dem er ein Weihnachtsgeschenk schicken wollte. Ganz enge Freunde waren, auch nach der aktiven Schachzeit, Boris Spassky und Svetovar Gligoric. Außerdem hatte Bobby Fischer ein schier übermenschliches Gedächtnis. Als er den „stern“-Artikel über seine Enttarnung 1990 bei mir zu Hause las, da konnte er sich genau erinnern, wem er was gesagt hatte. Er ging den Text Absatz für Absatz durch und rief immer wieder: „Das habe ich Schmid gesagt, das kommt von Bezold, das von...“

Güldner: Umstritten sind ja Fischers politische Ansichten. Was hast Du davon mitbekommen?

Niedermaier: Er war politisch äußerst gut informiert und hat ständig teils offene, teils verdeckte verbale Attacken geritten. Täglich las er zwei Tageszeitungen, ich habe seither keinen Menschen mit mehr politischem Wissen kennengelernt als ihn. Immer war er von dem, was er sagte, vollkommen überzeugt und teilte uns seine Visionen oft mit.

Güldner: Es gab aber auch richtig spannende Erlebnisse.

Niedermaier: Einmal erlebte ich hautnah, wie Bobby Fischer wegen eines Zeitungs-Interviews für den „stern“ verhandelte. Vermittler war wieder einmal Lothar Schmid, der die Angebote per Fax erhielt. Damals hatte ja nicht jeder diese Technik. Es war der reinste Krimi. Bobby Fischer stellte die Forderung, es dürfte nur ein einziges Foto gemacht werden. Außerdem 20 Fragen, von denen er zehn auswählen wollte, um die Antworten auf Tonband zu sprechen – ohne jeglichen direkten Kontakt zu den Reportern. Zuerst bot der „stern“ 20.000 Mark. Antwort Bobby Fischer: „Was soll ich mit Mark. Ich bin Amerikaner.“ Dann lautete das Angebot 20.000 Dollar. Dann verzögerte Bobby Fischer solange, bis der Verlag auch zu 50.000 Dollar bereit war. Antwort Bobby Fischer: „Mit denen kann man spielen. Mal sehen, wie weit sie gehen.“ Er forderte dann 100.000 Dollar, was Lothar Schmid in helle Aufregung versetzte. Es dauerte nicht lange, bis das Telefon klingelte. Bobby Fischer aber riet mir, den Anrufer weitere 8-10 Mal schmoren zu lassen. Beim 11. Anruf sagte er dann lapidar: „Ich glaube, jetzt kannst Du mal rangehen.“ Natürlich war es Lothar Schmid, der nervlich ziemlich mitgenommen wirkte. Der „stern“ war bereit, 100.000 Dollar zu zahlen! Ich fuhr dann nach Bamberg, um das Fax abzuholen. Zurück in Forchheim schaute Bobby Fischer nur kurz auf das Schreiben, schüttelte dann den Kopf und sagte: „Diese Leute respektieren meinen Titel nicht.“ In der Anrede hatte es geheißen: „Sehr geehrter Herr Großmeister...“, aber eben nicht „Weltmeister“. Fischer hat mit ihnen Katz und Maus gespielt und dabei immer relaxt in meinem Schaukelstuhl gesessen. „Du erlebst das zum ersten Mal. Ich habe das schon hundert Mal erlebt.“ Schließlich hatte Lothar Schmid ein weiteres Fax mit richtiger Anrede erwirkt. Für Bobby Fischer war die Sache aber längst schon erledigt. „Siehst Du, diese Leute würden auch ihre Mutter für Geld verkaufen.“ Das Interview kam nie zustande.

Güldner: Wie hat Bobby Fischer denn Partien analysiert?

Niedermaier: Ich war dabei, wie er in der Pulvermühle sein Können unter Beweis gestellt hat. Damals waren Alexander Kurz, Peter Meister, Michael Bezold und auch Hans-Jürgen Döres dabei. Es ging um eine Polgar-Partie, in der sie Sf3 auf e1 gezogen hatte. Kommentar Fischer: „Der Zug eines Genies. Schaut Euch diese Stellung an, schaut Euch diese Stellung an.“ Nachdem auch nach mehreren Minuten keine Reaktion der Zuhörer kam, allesamt bundesligaerfahrene Spieler, wurde Bobby Fischer ungehalten: „Seht ihr denn nichts?“ Schließlich setzte sich Bobby Fischer ans Brett, um mit Weiß gegen Alexander Kurz die entstandene Position zu spielen. Drei oder vier Züge später hörte man dann ein „Jetzt sehe ich es auch“ aus dem Mund des Bambergers, der damals schon zweifacher Oberfranken-Meister war. Kommentar Fischer: „So einfach ist Schach... Oder doch nicht!?“ Bobby Fischer nahm dann Schwarz, und obwohl sein Kontrahent ja gerade alles mitbekommen hatte, war die Partie nach wenigen Zügen wiederum für Bobby Fischer gewonnen. Phänomenal, wie er jede Nuance genau gesehen und jede Ungenauigkeit gnadenlos bestraft hat.

Güldner: Warum ist er dann nach rund sieben Wochen wieder aus Forchheim weg?

Niedermaier: Eigentlich wollte er nur vierzehn Tage nach Staffelstein. Dort blieb er dann sogar ziemlich lange, auch als eine Oberfränkische Meisterschaft dort stattfand. Er residierte dort als „Robert James“. An seinem 48. Geburtstag hatte ich mich dann mit ihm zerstritten. Es ging um den Pulvermüller Kaspar Bezold, auf den er nicht gut zu sprechen war. Er ließ dann eine regelrechte Schimpftirade mit wüsten Beleidigungen los, die ich nicht tolerieren konnte. Schließlich war Kaspar Bezold mein Freund. Bei Widerspruch sagte Bobby Fischer dann immer: „Warum suchst Du für ihn Ausreden? Warum willst Du ihn verteidigen?“ Ich habe ihn dann abgesetzt und wir haben zum letzten Mal gemeinsam zu Abend gegessen. Dabei eröffnete er mir, nie mehr nach Forchheim kommen zu wollen. Und er ließ die Musicbox Andy Borgs „Arrivederci Claire, wenn noch mal Sommer wär“ spielen. Ich legte ihm dann „California Blue“ von Roy Orbison auf. So gingen wir auseinander. In Forchheim ist er nie entdeckt worden. Dafür habe ich schon gesorgt. Eine der Erinnerungen an ihn ist sein Ledergürtel, den er mir geschenkt hatte. Und natürlich viele Fotos, die ihn z. B. am Kachelofen zeigen. Dort analysierten wir viele Partien aus Tarraschs Dreihundert. Tarrasch hatte in einer gemeint, das Endspiel sei für Weiß nicht zu halten. „Hier irrt Tarrasch,“ war sein trockener Kommentar. Und er hat noch im Halbschlaf gemurmelt: „Ke3, und Du siehst, dass Du nichts mehr hast.“ Das Remis war tatsächlich nicht zu vermeiden. Er hatte schachlich immer recht. In fünf Monaten habe ich ihn nicht einmal in einer Analyse oder einem Kommentar erlebt, dass er auch nur einmal irrte – phänomenal!

Güldner: Verlassen wir einmal Bobby Fischer und wenden uns wieder Deiner Schachlaufbahn zu. Einmal warst Du ja sogar im „Neuen Deutschland“ genannt...

Niedermaier: Das war 1985 noch zu DDR-Zeiten. Ich nahm eine Einladung Hella Schoenemanns an und fuhr mit meiner Frau Gabriele und meinen beiden Söhnen für eine Woche nach Stralsund. Am Sonntag nahm ich auf Rügen am Sagarder Blitzturnier teil. Ich wurde Vierter. Weil aber Bamberg, also der Westen in der Ost-Presse nicht siegreich dastehen durfte und weil Westkontakte im allgemeinen äußerst verfolgt wurden, stand im ND dann: „Hans Niedermaier, Lokomotive Stralsund“.

Güldner: Du hast ja viele Jahre beim Schachclub Bamberg in der 1. Bundesliga gespielt. Einmal sogar gegen Boris Spassky...

Niedermaier: Da habe ich eine Spanische Partie mit Schwarz sehr schön verloren. Das war im Wettkampf gegen Solingen in der Saison 1986/87. Wir haben danach noch lange analysiert, natürlich in Englisch. Ich war am Ende sehr stolz darauf, dass ich zumindest in der Analyse den Ex-Weltmeister dazu bringen konnte, Züge zurückzunehmen, weil er sich verrechnet hatte. Das ist mir in den fünf Monaten, in denen ich mit Bobby Fischer zusammen war, niemals gelungen.

Güldner: Meinst Du, heute kennt noch jemand Rudi Treppner?

Niedermaier: Wahrscheinlich nicht, und das ist schade. Denn er war der erfolgreichste Bamberger Vorsitzende überhaupt mit zwei Deutschen Meistertiteln und dem Deutschen Pokalsieg 1983. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Saison 1977/78, in der der Schachclub Bamberg beinahe drei Mal hintereinander Deutscher Meister geworden wäre. Verhindert haben das in der Endrunde überraschenderweise die beiden Erfolgsgaranten Lothar Schmid und Helmut Pfleger. Damals gab es ja noch die vierteilige Bundesliga, wobei wir uns in der Süd-Gruppe qualifizierten. In Bad Kissingen traten wir am Freitag ohne Pfleger an und am Samstag ohne Schmid. Die beiden hatten sich nämlich zerstritten, weil keiner dem anderen das 1. Brett zugestehen wollte. Sie haben auch im Angesicht des drohenden Misserfolgs ihre Egiosmen nicht beiseite geschoben. So kam neben den bekannten Spielern Kestler, Feustel, Teufel, Volkhard Rührig und den beiden Hartmännern auch Gerd Treppner zum Einsatz, und wir schlugen uns mit zwei Siegen sehr gut, ich selbst war nur als Ersatzspieler dabei. Im Entscheidungsspiel ging es am Sonntag gegen Königsspringer Frankfurt darum, mit einem 4:4 den Titel zu holen. Am Vorabend saßen Kestler und ich an der Bar und beobachteten unseren Vorsitzenden Rudi Treppner und den Frankfurter Hechinger. Beide vereinbarten folgenden Coup: Am nächsten Tag sollte Schmid am 1. Brett schnell Remis gegen Bela Soos machen und den Turniersaal verlassen. Dann würde nach 45 Minuten Pfleger hereinkommen, um am 2. Brett gegen Wolfram Bialas anzutreten. Pfleger hätte als Schnellspieler damit keine Schwierigkeiten gehabt, und beide Bamberger hätten in diesem Wettkampf irgendwie jeder am 1. Brett gespielt. Zu Spielbeginn war dann die Verwunderung groß, als nicht Soos an Eins saß, sondern Bialas, denn damals konnte man noch frei aufstellen. Schnell war das Unentschieden bei Schmid in trockenen Tüchern. Nur an Brett 2 fehlte noch... nein, nicht Pfleger, der war verspätet pünktlich. Soos war offensichtlich so verärgert, nicht gegen Schmid antreten zu dürfen, dass er erst von seinen Mannschaftskollegen ans Brett geschoben werden musste. Und das nur wenige Minuten vor der Zeitkontrolle. Schließlich endete auch diese Partie mit einer Punkteteilung – und Bamberg verlor mit 3,5:4,5. Damit war der Traum vom dritten Titel in Folge zerstoben.

Güldner: Du bist ja auch seit vielen Jahren beim Bayerischen Schachbund aktiv. Was macht denn ein Aktivensprecher das ganze Jahr so?

Niedermaier: Gewählt wurde ich beim BSB-Kongress 1991 in Friedrichshofen. Mein Vorgänger Christoph Renner wollte aufhören und fragte mich. Als oberfränkischer Delegierter war ich aber schon vorher jahrelang dabei. Ich hatte auch immer eine eigene Meinung, mit der ich beim Oberfränkischen Präsidenten Ludwig Schirner mehrfach aneckte. Der „gute Ludwig“ meinte dann irgendwann: „Dich nehmen wir nicht mehr mit, wenn Du noch einmal quer schießt.“ Als ich dann beim nächsten Mal wieder einen eigenen Kopf hatte, nahm er mich freundlich in den Arm und sagte lächelnd: „Mein lieber Hans, beim nächsten Mal bist Du nicht mehr dabei.“ Er ist mich dann aber nicht losgeworden, weil ich als Aktivensprecher dann gewählt wurde. Ich habe mich immer als Anwalt der Spielerinteressen verstanden. Mit Umfragen habe ich die Anregungen der Meisterspieler herauszufinden versucht. Als Konsequenz wurde dann z. B. die Turnierordnung so geändert, dass die Bezirksmeister direkt in der Meisterklasse 1 der Bayerischen Meisterschaft teilnehmen konnten. Meistens ging es um TO-Änderungen. Dabei habe ich auch nie verschwiegen, dass ich kein Freund zunehmender Schiedsrichter-Einsätze bin. Beim Schach sind das die überflüssigsten Personen überhaupt. Die Spieler sind wichtig.

Güldner: Du hattest ja als Bayerischer Delegierter beim Deutschen Kongress so manch harte Nuss zu knacken. Was rechnest Du denn zu Deinen größten Erfolgen?

Niedermaier: Das war sicherlich, dass ich es in jahrelanger mühevoller Arbeit geschafft habe, dass Bayern zwei Oberliga-Aufsteiger in die 2. Bundesliga bekommt. Nordrhein-Westfalen und Baden mit Württemberg hatten damals je zwei, wir aber nur einen. Erstaunlicherweise kam der größte Widerstand aus Bayern selbst, genauer gesagt aus dem BSB-Präsidium, das befürchtete, mit dem Antrag Schiffbruch zu erleiden und sich zu blamieren. Zwei Jahre dauerte die Überzeugungsarbeit, bis 1993 beim DSB-Kongress in Ratingen der Antrag gestellt wurde. Auf unserer Seite waren Baden und Württemberg, gegen uns natürlich die Leidtragenden Hessen, Sachsen etc. Leider enthielten sich dann, trotz vorheriger Zusage, die NRW-Delegierten, so dass unser Antrag scheiterte. Im Jahr darauf in Böblingen kam dann ein erneuter Anlauf. Diesmal hatten wir NRW sicher auf unserer Seite, weil die Mannen um Alfred Schlya selbst einen Antrag laufen hatten. Wir sorgten dann durch eine Umstellung der Tagesordnung dafür, dass zuerst der Bayern-Antrag zur Abstimmung kam. Es redeten nur Schachfreunde gegen den Antrag, bis schon der Vorschlag kam, den Antrag zurückzuziehen. Wir waren uns aber sicher und beharrten auf der Abstimmung. Seither dürfen zwei bayerische Vereine in die 2. Bundesliga aufsteigen. Eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der SC Forchheim 15 Jahre später davon profitieren sollte. Aber das konnte damals ja nun wirklich niemand wissen.

Güldner: Seit dieser Zeit gibt es ja auch den Bodensee-Cup...

Niedermaier: Dieser Freundschaftskampf Bayerns mit Baden, Württemberg und der Schweiz war ein Ergebnis meiner Bemühungen um den zweiten Aufsteiger. Wir waren mit den beiden Verbänden im Westen deutlich näher zusammengerückt. Eigentlich ist die Organisation ja Sache des Bayerischen Spielleiters, doch in den meisten Jahren wurde das an mich delegiert, auch die Aufstellung der BSB-Delegation.

Güldner: Noch einmal zurück zum Schachclub Bamberg. Du wurdest dort ja niemals geehrt, obwohl Du lange zur Spitze gehört und viele Jahre als Mannschaftsführer und Schatzmeister (1986-1991) Verantwortung getragen hast. Was denkst Du heute über Deinen alten Verein?

Niedermaier: Damals, als der SC Bamberg in die Oberliga abgestiegen ist, habe ich gesagt: Wenn der Verein noch drei Mal absteigt, dann passt die Mannschaft endlich zur Vorstandschaft. Bestes Beispiel war das 125-jährige Jubiläum anno 1993, das man praktisch nicht gefeiert hat. Nur ein drittklassig besetztes Schnellturnier wurde ausgerichtet. Wenn man das mit dem 100-jährigen Bestehen vergleicht, da spielten noch Petrosjan, Keres, Donner, Unzicker oder Teschner. Da ist 1993 einfach provinziell. Heute wünsche ich meinem ehemaligen Verein, dass er in der kommenden Saison den Aufstieg schafft und dass er in Zukunft wieder eine schlagkräftige Truppe aus echten Bambergern haben wird. Wenn es auch einem kleinen Wunder gleichen würde, nochmals drei Deutsche Meistertitel zu holen. Die Traummannschaft der 60er und 70er Jahre um die drei Spitzenspieler – allesamt Bamberger – Lothar Schmid, Helmut Pfleger und Hans-Günter Kestler wird leider Geschichte bleiben.

Güldner: Du hast ja viele Titel gewonnen. Von der Bamberger Jugend-Kreismeisterschaft (1965, 1966), dem Bamberger Jugend-Kreispokal (1963), dem Bamberger Kreispokal (1962, 1967), die Bamberger Kreis-Blitz (1966, 1968, 1986, 1987) und die Bamberger Kreismeisterschaft (1983). Dein größter sportlicher Erfolg?

Niedermaier: Wohl in der Saison 1986/87, als der Schachclub Bamberg mit 1:15 Punkten im Januar wie der sichere Absteiger aus der 1. Bundesliga aussah. In dieser Phase übernahm ich von Dieter Beuchler das Amt des Kapitäns. Eine Aufgabe, die auf Grund der Zerstrittenheit innerhalb der Mannschaft nicht einfach war. So spielte unser Spitzenbrett Reinhold Seppeur kurzfristig nicht mehr. Es war schon soweit, dass ich selbst am 2. Brett Platz nehmen musste. Mit dieser Rumpftruppe sammelten wir Punkt um Punkt, ließen selbst Favoriten chancenlos stehen und schafften tatsächlich noch den Klassenerhalt.

Güldner: Du hast jahrelang im Schachbezirk Oberfranken gepunktet:

Niedermaier: In den 60-er und in den 80-er Jahren lagen meine Höhen. Sieger bei der Oberfränkischen Jugendmeisterschaft (1966, 1967), beim Oberfranken-Pokal (1968, 1993) und bei der Bezirks-Blitz (1975, 1985). Ich war auch oft Teilnehmer bei Bayerischen Meisterschaften, habe dort aber nie einen Titel errungen. Als ich dann zeitweise in Mittelfranken aktiv war, gewann ich auch oder das eine oder andere Turnier: 1977 Kreismeister im Norden und 1993 sogar Bezirksmeister in Schwanstetten. Zwischendrin 1993 wurde ich noch FIDE-Meister.

Güldner: Wie bist Du in Forchheim gelandet?

Niedermaier: Ich habe als gebürtiger Bamberger 1979 zusammen mit meiner Frau Gabriele in Forchheim ein Haus gebaut, nachdem ich hier als angehender Großhandelskaufmann und späterer Berufsschullehrer Wurzeln geschlagen hatte. Allerdings hatte ich Anfang der 70-er Jahre keine Zeit und Lust auf Schach. Mich hat dann Klaus Driedger wieder an die 64 Felder zurückgeführt, mit dem ich in Nürnberg gemeinsam studiert hatte. In der legendären Forchheimer Kneipe „Big Ben“, wo er als Barkeeper arbeitete, traf ich dann erstmals auch Berthold Bartsch. Er kam als Erlanger Spitzenspieler und verlor gleich zwei Mal unerwartet gegen mich. Und ich gab dem Wirt Fritz Späth immer wieder Tipps für seine Hängepartien. Es folgte eine kurze, aber sehr schöne Zeit bei der Schachabteilung des ATSV Forchheim, wo wir Liga um Liga bis in die höchste des Schachverbandes Bayern durchliefen. Ich erinnere mich noch an Wettkämpfe in Pottenstein, wo ich gegen den dortigen Vorsitzenden Sommer meine kürzeste Gewinnpartie spielte. Nach fünf Zügen und Damenverlust gab er auf. Oder in Mehlmeisel, wo wir in großer Personalnot einen unserer Schlechtesten, Siegfried Jena, mitnahmen. Ich bereitete ihn kurz vor dem Spielbeginn auf d4 vor und zeigte ihm das Englund-Gambit. Das kam auch wirklich aus Brett, und Siggi Jena sammelte gleich einen Bauern ein. Dabei war er so clever, danach sofort auf die Uhr zu sehen, zu murmeln, „eigentlich müsste ich ja weg, also ich biete remis“. Der Gegner nahm natürlich sofort an, nur um dann Siegfried Jena den ganzen Abend überglücklich im Spiellokal umherlaufen zu sehen. Helmut Bartsch, damals der große Schachorganisator, hatte Recht gehabt: „Für Dich ist das doch kein Schach, sondern Spaß.“ Und das war auch meine Hauptmotivation gewesen, mich wieder ans Brett zu setzen, wir waren so eine richtig schöne kleine Schachgesellschaft, unsere Frauen haben uns viel begleitet – auch zu Auswärtskämpfen – und Gabriele motivierte und unterstützte mich, wieder zu spielen.

Güldner: Du bist ja seit 1979 Mitglied des Schachclub Forchheim. Wie hat es Dich denn hierher verschlagen?

Niedermaier: Unser späteres Ehrenmitglied Karl Lohnert hat mich auf der Baustelle besucht und gefragt: „Warum spielst Du nicht für uns? Hier kannst Du doch viel mehr bewirken.“ Nach kurzem Disput brachte er mich dazu, Mitglied zu werden: „Nicht drüber nachdenken. Hand drauf!“ Und dann spielte ich einige Jahre für Forchheim, wo wir sogar den Aufstieg in die Regionalliga schafften. Als unser Gründungsvorsitzender Helmut Bartsch sich einer schweren Lungenoperation unterziehen musste, wurde ich sogar Vorsitzender (1979-81). Hauptarbeit war die Überarbeitung der Satzung und der „e.V.“

Güldner: Warum bist Du dann doch wieder zurück zum Schachclub Bamberg?

Niedermaier: Mir missfiel die Einstellung einiger Forchheimer Spieler, wie A und B (Anmerkung der Redaktion: die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen unkenntlich gemacht), die lieber auf Bezirksliga-Niveau spielen wollten, um dort zu einfachen Remisen zu kommen, und um nicht so weite Fahrten auf sich nehmen zu müssen. Bestes Beispiel war der Vorabend eines entscheidenden Wettkampfes in der Regionalliga gegen die DJK Regensburg. Im Spiellokal „Zur Sonne“ wurde schon darüber abgestimmt, dass man freiwillig verlieren wolle, da man sowieso keine Chance habe. Ich habe dann dagegen gesprochen und gesagt, wenn schon absteigen, dann schon lieber ehrenhaft. Wir haben dann am nächsten Sonntag klar gewonnen und die Liga gehalten. Solche Dinge fielen öfter vor. So auch bei einem Pokalduell gegen Erlangen, in dem es 1:4 stand und noch drei Partien liefen. Alle drei Forchheimer standen auf Gewinn. Als plötzlich A kam und sagte, er habe ein Remisangebot bekommen. Was er machen solle? Ich gab ihm die Order, auf Sieg weiterzuspielen. Eine Viertelstunde später gratulierten unsere Gegner ihrem Mannschaftskollegen Dirk Vittinghoff. A hatte doch tatsächlich das Unentschieden angenommen – und wir 3,5:4,5 verloren! In der Saison 1982/83 spielte ich dann gemeinsam mit Berthold Bartsch wieder in Bamberg.

Güldner: Seit 1992 spielst Du jetzt wieder für den Schachclub Forchheim. Wie kam dieser Sinneswandel zustande?

Niedermaier: Ich hatte schon seit 1990 wieder die Vereinsmeisterschaft mitgespielt, die ich bislang sechs Mal gewonnen habe (1981, 1985, 1991, 1992, 2006 und 2007). 1990/91 war mein wohl bestes Turnier, was wohl auch daran lag, dass zu Hause immer Bobby Fischer auf meine Partien wartete. Da habe ich mir größte Mühe gegeben. Berthold Bartsch machte bei mir Werbung mit einem einzigen Satz: „A und B sind ausgetreten.“ (Anmerkung der Redaktion: die Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen unkenntlich gemacht). Dann hat mich noch der inzwischen verstorbene Nürnberger Meisterspieler Karl Bosch angesprochen: „Warum spielst Du für Bamberg? Du musst da spielen, wo Du wohnst!“ Das Fass zum Überlaufen brachten aber Streitereien innerhalb des Bamberger Schachclubs. 1991 diskutierte man im Vorstand über die Zukunft des Vereins und wollte eigene, junge Leute nach vorne bringen, darunter z. B. auch. Gerald Löw, der heute in Bindlach spielt, oder Hans-Jürgen Brasch. Ein einstimmiger Beschluss folgte. Drei Wochen später erfuhren wir dann, dass mit Bernd Hümmer, Ralph Götz und Jürgen Pichler kurzfristig drei Neuzugänge von außen verpflichtet wurden. Und ich als Kapitän fand mich plötzlich nicht mehr in der Stammaufstellung. Ich legte dann 1991 alle meine Ämter nieder und kam auch am Brett nicht mehr zum Einsatz. Das war eine regelrechte Strafaktion gegen mich, so dass sich andere Spieler wie Alexander Kurz oder Peter Meister mit mir solidarisierten. Zur dritten Doppelrunde wurde ich wieder eingeladen, ich spielte nur sieben Partien in dieser Saison und revanchierte mich damit, dass ich umgekehrt für die beiden Schluss-Doppelrunden absagte, denn das Tischtuch blieb zerschnitten. Als dann der Schachclub Bamberg erstmals in seiner Geschichte den Abstieg aus der 1. Bundeliga hinnehmen musste, traf mich der Zorn des „ewigen 2. Vorsitzenden“ Horst Pfleger: „Wegen Dir ist der SC jetzt abgestiegen. Ich hoffe, das ist Dir klar!“ Ich entgegnete nur kühl: „Das ist das größte Kompliment, das Du mir machen kannst.“

Güldner: Wer ist denn Deiner Meinung nach der derzeit beste Schachspieler?

Niedermaier: Vishy Anand ist der beständigste in der Weltspitze. Ein Spieler ohne Allüren, der von mir aus die nächsten 20 Jahre dort oben bleiben sollte.

Güldner: Vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Udo Güldner